Livia goes Paralympics I
 
Ganz naiv kam mir einstig die Idee, dass ich doch mal in Erfahrung bringen könnte, ob ich an Eintrittskarten für die Paralympics kommen kann. Wenn ich mich daran erinnere, wie schwierig die Prozedur aber für die Olympischen Spiele war, dann hatte ich wenig Hoffnung. Umso erfreuter war ich festzustellen, dass man die Tickets einfach online bestellen und bezahlen konnte (für sich und auch für andere) und sie dann in einer Filiale der Bank of China abholen konnte. Ja, genau, das ist da, wo ich mein Konto habe. Die Langsamen. (Es gibt aber auch keine schnelle Alternative...)
Weil ich unbedingt einmal ins Vogenest-Stadion wollte und Leichtathletik für mich ohnehin die Paradedisziplin bei jedweden Olympischen Spielen ist stand ganz schnell fest, dass ich dafür Karten bestellen würde. Außerdem orderte ich Tickets für Rollstuhlbasketball. Diese Austragung findet im „National Indoor Stadion“ statt und damit ebenfalls im Olympic Green. Also auf dem Großgelände mit dem Vogelnest, den anderen großen Stadien, den vielen Pavillons und eben der wahnsinnigen Atmosphäre. Für die vier Karten habe ich insgesamt gerade mal 26 Euro bezahlt und dazu zwei Chinesinnen eingeladen: Meine Freundin Peipei, die sich die Leichtathletikkarte ausgesucht hat und Mieke (die ich erst kürzlich kennen gelernt habe und mit der ich mich auch sehr gut verstehe), die mich zum Basketballspiel begleitet hat.
Mir kam dann per Mail ganz unkompliziert eine Liste zu mit allen Bankfilialen, in denen ich die Tickets abholen könnte. Offenbar zurückgefallen in deutsche Denkmuster überlegte ich mir, dass ich ja mal eben auf dem Weg die Tickets abholen könnte. Wie man das eben in Deutschland so macht. Mal eben zur Bank. Aber es gibt viele Chinesen, die auch zur Bank wollen und in Verbindung mit lahmen Bankmitarbeitern, die mit prinzipiell höchstens 18% der ihnen als gesunde junge Menschen zukommenden möglichen Höchstarbeitsgeschwindigkeit am Werk sind ergibt das naturkausal einen sehr langen Tag.
Damit der sehr lange Tag eines jeden Einzelnen dennoch systematisch eingeordnet werden kann, wurde hier nun das „Nümmerchen-System“ überall dort eingeführt, wo es sich in auch nur irgendeiner Art und Weise verwirklichen lässt. In öffentlichen Institutionen braucht man ein Nümmerchen. Wenn man etwas fragen möchte, wenn man etwas abholen möchte, wenn man jemanden sprechen möchte, vielleicht auch, wenn man auf die Toilette muss. Da stehen also diese Automaten im Eingangsbereich, welche einem auf Knopfdruck ein Nümmerchen, liebevoll auf ein Stück Papier gedruckt, zukommen lassen. Manchmal sogar echte Menschen, die einem das individuelle Nümmerchen ganz persönlich ausstellen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Und rechts Das Nümmerchen aus der Bank, das mir Zutritt zu einer Mitarbeiterin verschaffte, welche mir freundlicherweise erneut mein Geld auf diesem chinesischen Konto einfror, so dass ich mein Visum zum zweiten Mal verlängern könnte. (Ob das erfolgreich war, muss sich noch klären...)
Jedenfalls bekam ich an jenem Tag von einem freundlichen Mann die Nummer D175 zugewiesen und nur lächerliche vier Stunden später hielt ich meine Eintrittskarten für die Paralympics in den Händen. Ist das nicht schön? Alle Schwierigkeiten, die ich an diesem Tag in dieser Bank noch hatte, möchte ich nun einfach verdrängen und nicht wiedergeben...
 
 
Nachdem es ja zu meinem ersten Besuch des Olympic Green (das Fechten) so fürchterlich regnete, hatten wir dieses Mal sehr großes Glück. Die Sonne strahlte nur so und die Luft war klar. Auch vorteilhaft deswegen, weil das Vogelnest oben offen ist. Zwar nicht gerade dort wo wir saßen, jedoch schaut man den Athleten auch lieber im Glanz der Sonne zu, als vor Regen kletschnass. Vor unserem „Termin“ um 9h hatten wir - und das war so gewollt ;) - nicht besonders viel Zeit für Fotos und dergleichen. Und nachher war ich zu faul, haha. Ne im Ernst, es war so heiß und ich hatte furchtbaren Hunger. Da macht man einfach keine Fotos. Daher gibt es heute ausnahmsweise nur eine kleine Fotoauswahl. Dafür aber auch mal wieder ein Video! Seitdem ich meinen Camcorder tatsächlich auch einpacke, drehe ich gerne mal. Daher ist das Gewicht meiner Schultertasche, die ich immer und überall dabei habe, weil auch Geld, Pass, Visum, Kamera, Schlüssel, Buskarte...drin sind jetzt auf schätzungsweise 2 Kilo angewachsen. Aber passt schon. Das ist es wert! :)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Deutschland hat an diesem Morgen die eine oder andere Silber- oder Bronzemedaille gewonnen aber leider kein Gold. Daher mal wieder keine deutsche Hymne.
 
Übrigens bin ich am Morgen, um mich pünktlich mit Peipei treffen zu können, um 6h40 aufgestanden. Das ist, wenn ich in Deutschland, Island oder irgendwo auf der Welt bin gefühlt mitten in der Nacht, hier aber ist es nur etwas früher als normalerweise. Ich bin tatsächlich zur Frühaufsteherin geworden! o.O Das hängt natürlich in erster Linie mit dem Sonnenauf- und Sonnenuntergang zusammen. Es wird ab 5h hell und schon um 19h ist es fast ganz dunkel. Direkt daran gekoppelt sind meine Trainingszeiten. Wenn ich am Vorabend im Wetterbericht sehe, dass es sonnig und klar werden soll muss ich um 7h15 loslaufen, wenn ich verhindern möchte, dass mir nach einigen Minuten das Hirn in der Sonne verbrennt. Abends bin ich dann dementsprechend müde - insbesondere wenn es so früh dunkel wird. Und auch, wenn ich nicht trainiere, sondern etwas besichtige oder unterwegs bin, dann bin ich schon früh Abends erschöpft.
Wirklich interessant, wie schnell man sich an einen derart verschiedenen Schlafrhythmus gewöhnen kann. Vor 12h ins Bett gehen gab es vorher in meiner Welt nicht und jetzt ist es meistens schon 11.
 
Nächstes Mal gibt es mal wieder einen Tempelbesuch. Ein ganz besonderer Tempel! :)
Bis bald, ihr Lieben!
 
 
 
 
Montag, 15. September 2008
Hier nur eine kleine Auswahl an Beispielnümmerchen. Ganz links, die „D175“, ist mir von einem netten Herrn ausgehändigt worden und berechtigte mich zum Abholen der Paralympics-Tickets. In der Mitte ein Nümmerchen aus der Visabehörde, welche mir erlaubte, mich an Schalter XY anzustellen.
Leichtathletik ist schon wieder so völlig anders als die anderen Disziplinen, Fechten und Beachvolleyball, die ich bisher gesehen habe. Man weiß manchmal nicht genau, wo man hinschauen soll, da mitunter drei bis vier Wettkämpfe gleichzeitig stattfinden. Sehr interessant war der Weitsprung - dank unserer guten Plätze konnten wir das auch sehr gut beobachten. Hätten die Athleten keine Augenbinde auf, würde man nicht merken, dass sie blind sind. Bei den läuferischen Disziplinen merkt man es mitunter daran, dass die Athleten einen „Guide“, also einen Begleiter haben. Der läuft entweder gleich neben ihnen oder an der Hand mit. Dann gab es auch noch Rennen mit diesen rollstuhlartigen Fahrrädern (oder sind es fahrradartige Rollstühle?), die auch echt schnell sind und sehr spannend. Irgendwo zwischendurch hat dann auch noch der eine oder die andere einen Diskus irgendwo hin geschmissen, aber das war echt nicht spannend.
Das Tolle an Leichtathletik ist nunmehr, dass man in den vier Stunden, die eine Karte gültig ist,  nicht nur vielen Vorrunden und Qualifikationen, sondern auch mehreren Finalen und somit auch Medaillenzeremonien beiwohnt. Es waren schätzungsweise 6-8 an diesem Morgen (indessen China drei Goldmedaillen gewonnen hat!) Das war natürlich insbesondere für Peipei eine tolle Erfahrung.
Mir ist die chinesischen Nationalhymne mittlerweile vertrauter als die Deutsche. Ich höre sie jeden Tag mehrmals - denn schließlich werden auch in den Nachrichten im Fernsehen insbesondere Chinas Erfolge referiert und Ausschnitte aus den Wettkämpfen und den Zeremonien gezeigt.