Meine kleine japanische Familie und meine große japanische Familie.
 
Meine kleine Familie? Ja, die lebt genau in diesem Häusle hier. Ein schönes zierliches gemütliches Holzhaus, in dem ich ein wunderbares kleines Tatamizimmer bewohne. Eigentlich bin ich auch sehr froh darüber, dass es recht klein ist, denn auch wenn mein Gepäck übermäßig viel ist, könnte ich ein größeres Zimmer wohl kaum füllen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auf dem unteren Bild könnt ihr meine Schlafecke sehen. Anfangs habe ich nur auf einer sehr dünnen Matte geschlafen, die kaum mehr als ein Teppich polsterte. Also eigentlich genau nach meinem Geschmack! Aber nun ist es etwas kälter geworden, so dass sich nachts die unmittelbare Nähe zum Boden recht aufdringlich bemerkbar machte. Deswegen nun zwei Matten - jetzt ist es wieder schön warm.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das untere Bild zeigt übrigens einen ganz besonderen Baum. Einen FÜR MICH ganz besonderen Baum! Das ist der Baum, an dem Früchte mit dem Namen „Kaki“ wachsen. Oder wie ich auch sagen würde: Okakisama. Ich liebe diese Frucht! So etwas habe ich noch nie gegessen. Schmeckt wie eine Mischung aus Kastanien und Pfirsichen - und auch die Konsistenz ist ähnlich. Wirklich ganz außergewöhnlich. Yummy!
Diese Frucht wird mir auch jeden Morgen zu Frühstück serviert. Mahlzeiten zu sich nehmen spielt sich in meiner Familie übrigens wie folgt ab (und ich vermute, dass es schon recht typisch japanisch ist): Die Mutter bereitet morgens das Frühstück für die ganze Familie zu. Das heißt, sie kocht Reis und stellt Brot auf den Tisch. Dazu schält und schneidet sie Obst (hier meist Kaki und Äpfel) und dazu gibt es noch variable Kleinigkeiten. Manchmal ein Gekochtes Ei oder Spiegelei, manchmal Fleisch in irgendeiner Art und Weise, manchmal was komisch Aussehendes, manchmal was komisch Riechendes....immer mal was Neues. Und diese kleinen Einzelteile werden dann schon auf die Teller vorsortiert. Jeder bekommt das, was ihm zusteht und was er mag. In der Mitte des Tisches steht dann noch ein Teller mit Überbleibseln, von dem sich jeder etwas nehmen kann. Man muss für das Frühstück quasi nichts machen! Nur hingehen und essen.
Während durch die Woche alle mittags weg sind, gibt es am Wochenende auch Mittagessen. Auch das bereitet die Mutter zu - vermutlich verhungern alle, wenn sie das nicht tut. Es wird jedenfalls darauf gewartet, selbst wenn sie sich um Stunden verspätet. Dann gibt es jeden Abend Abendessen - natürlich von der Mutter selbst zubereitet. Und das ist von der Art her ähnlich wie das Frühstück: Es gibt ganz viele verschiedene Sachen und jeder bekommt schon etwas rationiert. Den Reis sowieso, aber davon kann man sich ja auch nachnehmen. Dann gibt es z.B. ein Stück Fisch, Fleisch, spezielles Gemüse, ... alles auf einzelnen kleinen Tellerchen arrangiert.  Und dann gibt es noch zusätzlich die kleinen Schälchen mit Soßen o.Ä. die den Platz auf dem Tisch nun völlig ausschöpfen. In der Mitte steht dann meist eine Suppe mit verschiedenen Einlagen, von der sich jeder nimmt. Interessant ist, dass die Einlagen während des Essprozesses auch wechseln können. Z.B. wurden neulich Ramen (Nudeln) zugefügt, als das Gemüse und Fleisch weg waren. Toll. :)
 
Ich bin restlos begeistert vom japanischen Essen. Das ist sooo lecker! Noch viel leckerer als das chinesische und vor allem viel purer und gesünder. Und so abwechslungsreich! Neulich war mein Gastvater wieder angeln, so dass es abends den Fisch gleich roh als Sashimi gab.
Am nächsten Tag gab es die anderen Fische dann im Ganzen zubereitet mit Essig serviert. Und neulich gab es Suppe mit Gemüse und Fleisch und dazu rohes Ei. Ja, genau! Man schlägt sich ein Ei in einer Schale auf, verquirlt es und taucht dann die Zutaten der Suppe hinein, bevor man sie isst. Sehr lecker. Ich habe ja sowieso keine Probleme mit rohem Ei - und bin froh, dass ich es hier wieder essen kann, nachdem ich das in China lieber vermieden habe.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Gleich am ersten Wochenende mit meiner Familie durfte ich ein Stück japanische Kultur ganz besonderer Art erleben. Ich ging zu einem Undou-kai (=Sportfestival)! Der Vater war freiwilliger Helfer und damit verbrachten wir fast den ganzen Tag dort. Außerdem stand so mein Name plötzlich auf den Teilnehmerlisten - wovon ich aber zunächst noch nichts wusste.
Hätte ich das gewusst, dann hätte ich vermutlich krank gespielt oder wenn das nichts genützt hätte mich tot gestellt. Das nämlich im Gedanken an deutsche Sportfeste an Schulen oder auch am Vatertag....eben so: Die Blagen und Jugendlichen machen irgendwas, während die Eltern saufen. So, Sportfestival fertig.
Hier ist das nun aber völlig anders, da nicht nur die Kinder aktiv sind, sondern ebenso die Erwachsenen. Es gibt verschiedene Teams je nach Wohnbezirk und so waren die Eltern, Kinder und Jugendlichen alle im selben Team - mitunter sogar die Großeltern! Und bei den Sportarten sind dann alle angetreten und jeder, der nicht absolut körperlich eingeschränkt war, machte mit. (Kein Saufen.) Nun kennen wir ja alle diese merkwürdigen japanischen Sendungen nachmittags im Fernsehen auf DSF, Kabel 1 und dergleichen. Japaner springen über ein Loch mit Matsche und fallen rein. Japaner laufen so lange im Kreis, bis ihnen übel ist und sie in Matsche fallen. Japaner machen Weitsprung in ein Loch mit Matsche. Nun - dieses Sportfestival bestand eher aus normalen Sportarten, wie Staffellauf. Ne, eigentlich war nur der Staffellauf normal und alles andere total freakig! :D Für Matsche war durch das Regenwetter zwar gesorgt aber sie kam glücklicherweise nicht absichtlich zum Einsatz. Die Spiele waren auch nicht so offensichtlich blöd und auf Verletzungen ausgerichtet wie wir es aus dem Fernsehen kennen, sondern einfach nur lustig. Eigentlich auch peinlich - aber dadurch, dass alle mitmachen ist es eben keinem peinlich. Sondern alle haben Spaß. Eigentlich ein einfaches Konzept. :)
 
Ich durfte dann gleich bei zwei Spielen mitmachen. Das erste: Etwa 15 Leute stehen um einen in der Höhe angebrachten Korb herum und werfen dort tennisballgroße aber weiche Bälle rein. Meistens dran vorbei, so dass sie auf der anderen Seite wieder runterkommen und den Leuten dort auf den Kopf fallen, haha. Also einfach aufheben und weiter werfen.
Das zweite Spiel war noch viel lustiger - und hatte im Gegensatz zum Ballspiel echten Anspruch. Denn wenn es da einer versaut sitzt man wirklich in der Matsche! Bei diesem Spiel liefen vier Zehnerteams gegeneinander. Man stellte sich hintereinander auf und wurde dann mit einem Seil an den Beinen verbunden - links ein Seil und eines rechts. Das heißt: Im Gleichschritt laufen!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die meisten von euch haben vermutlich vor lauter Verwunderung gleich überlesen oder schon vergessen, was ich oben im Titel geschrieben habe: „Meine kleine japanische Familie und meine große japanische Familie.“ Die kleine Familie ist geklärt, aber die große? Nun, damit meine ich einfach die Japaner insgesamt. Gerade bei diesem Sportfestival konnte ich spüren, wie stark der Zusammenhalt untereinander ist und man sich gegenseitig unterstützt. So waren auch immer Leute aus unserem Team (jedes Team hatte eine Art „Basis“, in der sich alle aufhielten, die nicht gerade spielten oder anfeuerten) um mich herum und haben sich um mich gekümmert. Z.B. mir eine Bento-box (Lunchbox) zum Mittagessen gegeben. :) Außerdem arbeiten Groß und Klein ganz selbstverständlich zusammen - so wie es auch hier in der Familie ist. Gut, das ist in deutschen Familien auch so, wenn es richtig läuft.
 
Von meiner Familie hier konnte ich noch keine Fotos machen. In den ersten Tagen hätte ich es bestimmt gekonnt, aber da war ich einfach noch viel zu beschäftigt. Und nun sind sie alle so wahnsinnig beschäftigt. Also...das sind sie immer. Japaner ja sowieso - wenn ich mich recht erinnere, haben sie die im Schnitt höchste Wochenarbeitszeit auf der Welt. Und das erlebe ich auch hier: Die Mutter geht um 7 aus dem Haus und kommt um etwa 19h zurück. Dann regelt sie eben den ganzen Haushalt so nebenher. Der Vater geht um etwa 7h15 aus dem Haus und kommt erst um 21h30 zurück. Das machen beide von Montags bis Freitags und manchmal auch Samstags. Und die Kinder? 14h schulfrei? Ne. Beide lernen zur Zeit für wichtige Prüfungen - gehen um etwa 8h aus dem Haus und kommen nicht vor 20h vom Lernen wieder. Es sind einfach alle den ganzen Tag mit Arbeiten und Lernen beschäftigt. Also wenn man da nicht reingeboren ist, ist das vermutlich schwer auszuhalten. Aber das wissen ja all jene nicht, die nach Japan auswandern wollen, weil sie gerne Manga und Anime mögen...
 
Als Abschlussarbeit-Schreiberin mit den Nebenberufen Tourismus und Marathontraining hingegen lässt es sich hier ganz hervorragend leben! Nein wahrlich, mir geht es blendend. Das muss ja auch mal gesagt werden, nachdem ihr so lange nichts von mir gehört habt. Ab jetzt gibt es übrigens wieder ganz regelmäßig Blogeinträge. Denn so langsam bin ich im Alltag drin und kann mich so organisieren, das nichts zu kurz kommt. Auch nicht die Blogeinträge. :)
 
Schon in Kürze wird es einen Bericht über meinen ersten großen Ausflug hier geben. Also schaut mal wieder rein!
Mittwoch, 15. Oktober 2008
Tatsächlich habe ich es heute endlich geschafft, mal Fotos zu machen und kann euch nun zeigen, wie ich hier hause. Aufgeräumt habe ich wohl aber nicht. Das lohnt sich ja auch nicht für die verbleibenden 2,5 Wochen. ;)
Auf dem oberen Foto sieht man übrigens keine hübsche Wanddeko, sondern sind das Schiebetüren. Die linke zu einem Schrank und die rechte größere ist die Zimmertür. In alten japanischen Filmen (bzw. Filmen über das alte oder traditionelle Japan) kann man oft sehen, wie sich die Frauen hinknien, bevor sie die Türen öffnen und bevor sie sie schließen. Glücklicherweise muss ich das hier nicht machen und darf einfach so ins Zimmer ein-und aussteigen! :D
Aber gehen wir doch noch mal kurz raus vor die Tür. Endlich ist das mal wieder nicht weit! Schließlich habe ich in Peking erst im 5., dann im 14. Stock gewohnt, nachdem es ja auch in Dortmund lange Zeit der 5. Stock war. Ich liebe das Gefühl, hier einfach die Wohnung zu verlassen und ohne durch Flure und Treppen und Aufzüge zu streifen direkt draußen und auf dem Erdboden zu stehen. Die Gegend ist auch sehr ruhig - es fahren kaum Autos und weit und breit sieht man nur kleine Wohnhäuser - nicht umrahmt von einer Kulisse aus Betonbauten und Hochhäusern! Einfach in jede Richtung freie Sicht! Dahingehend ist natürlich auch mein Training viel angenehmer als noch in China. Einfach in der Nachbarschaft laufen. Toll. Was man alles wieder zu schätzen weiß, wenn man es lange Zeit nicht hatte... Die Japaner in der Nachbarschaft haben sich auch schon an mich gewöhnt und grüßen mich freundlich, wenn ich wieder unterwegs bin. Die sind so lieb. Woran ich mich noch gewöhnen muss sind die Hügel. Oder auch Berge. Davon gibt es auf den japanischen Inseln naturgemäß viiiiiiele. Und hohe. Wenn ich in Dortmund zur Uni gefahren bin, dann war der Weg in der Tat nicht eben. Besonders der Berg an der Palmweide war mitunter anstrengend zu erklimmen. Aber hier sind solche Palmweiden die Regel und nicht die Ausnahme. Besonders fies ist, dass die letzten Meter zur Uni sowie die letzten Meter nach Hause die ungefähr größtmögliche Steigung aufweisen. (Also ca. 8000%. :C) So ist garantiert, dass ich trotz meines eigentlichen Hanges zur lebensgefährlichen Unterkühlung bei unter 25 Grad immer verschwitzt ankomme - egal wo! :D
Das hier bin ich mit Lulu-Chan (geschrieben eigentlich Ruuruu-Chan) - dokumentiert von meiner Gastmutter Maki-san, die sowieso eigentlich am liebsten alles mit der Handycam dokumentiert. Gut für mich. :)
Die Katze gehört eigentlich nicht der Familie, kommt aber jeden Abend zum Schmusen und Spielen zu Besuch. Laut mauzend, so dass immer sofort jemand die Tür öffnet und dieses wunderbare kleine Wesen herein lässt! Manchmal wartet sie auch schon vor der Tür auf dass man heimkommen möge - und erschreckt einen mit ihrem erfreuten euphorischen aber ebenso lauten Maunzen dann beinahe zu Tode! Macht aber nichts, denn sie ist so unglaublich lieb und verspielt! :D
Glücklicherweise hat das Ganze jemand fotografisch dokumentiert - nicht wohl Maki-san, denn die macht selbst mit. Man sieht sie auf dem mittleren Foto - sie ist ganz hinten mit dem gelben Shirt. (Ich bin übrigens das übergroße Ungetüm mit der riesengroßen schwarzen Regenjacke inmitten der klitzekleinen zierlichen Japanerinnen, haha! :D)
Bevor es losging, probten wir erst auf der Stelle und dann liefen wir auch etwas im Kreis herum. Und immer schön im Gleichschritt! „ICHI NI ICHI NI ICHI NI!“ (EINS ZWEI EINS ZWEI...)
Und ich war zugegebenermaßen auch echt etwas nervös, denn während Japaner ja in solcherlei Aktivitäten echt geübt sind (Undou-kai sind absolut beliebt), bin ich da völlig unerfahren und auch sonst recht selten mit neun anderen Menschen zusammengebunden. Und ich wollte doch nicht diejenige sein, wegen der dann alle in die Matsche fallen und dann nicht mehr aufstehen können und dann ein Fernsehteam kommt und das Ganze Spektakel im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird! :O
Glücklicherweise ging alles gut. Wir haben zwar nicht gewonnen, aber letzte wurden wir auch nicht! Wirklich ein verrücktes Erlebnis!