Tokyo Marathon 2009!
 
Der Tag war nah, er kam immer näher und BÄM!  Plötzlich war er da. Der Tag, an dem ich meinen ersten Marathon laufen würde! Und davon möchte ich euch nun endlich erzählen.
Jan und ich waren schon einige Tage vor jenem Sonntag, dem 22. März nach Tokyo gereist und hatten uns in ein herrliches Hotel eingemietet.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Freitag, 17. April 2009
Dieses Hotel lag nur ein paar hundert Meter von meinem Startblock entfernt, und es wäre in der Tat komfortabel gelesen, dort am Morgen des 22. März aufzuwachen. ... Hm? „Wäre“? Ja, genau. Denn vor dem Marathon zogen wir auch schon wieder aus. Unser Hotel nämlich, so wie auch alle anderen im Stadtgebiet Tokyos, war an diesem Tag „etwas“ teurer als sonst. Schließlich drängten sich nicht nur über 30000 Läufer in die Stadt, sondern auch noch Unmengen an Zuschauern - und die wollen ja auch alle irgendwo bleiben. Tja, große Nachfrage, wenige Zimmer und das im eh schon teureren Tokyo. Die daraus resultierenden Preise taten schon beim Hinsehen weh. Aber glücklicherweise kamen wir in einem Appartement meines vormaligen Gastvaters in der Nähe von Tokyo unter. So war zwar die Anfahrtszeit etwas länger, dafür konnten wir uns auf dem Rückweg aber auch noch etwas zu essen leisten, hehe.
Und so standen wir dann frohen Mutes morgens um 5 auf, ich packte meine Wettkampfunterlagen ein, bereitete mir den üblichen in Würfel geschnittenen Erdbeermarmeladentoast als Laufverpflegung zu und los ging es.
Meine Laufkleidung hatte ich bereits an, so dass ich mich nicht noch umziehen musste.  Daher suchte ich alsbald meinen Startblock auf, nachdem ich Jan meine Jacke und sonstigen überflüssigen Kram gegeben hatte. Bei 30000 Läufern mal an die richtige Stelle zu kommen war indes garnicht so einfach. Ich muss dazu sagen: Je nach Marathonreferenzzeit (also die Zeit, in der man den letzten oder schnellsten Marathon lief) darf man gleich hinter der Startlinie starten, oder in der Mitte, oder eben wie ich ganz hinten - wenn man keine Referenzzeit hat. Dementsprechend umso weiter war der Weg - und dennoch habe ich es pünktlich zum Start geschafft. Naja, der Start startete für mich vielmehr erst 15 Minuten nach dem eigentlichen Start - denn ganz hinten dauerte es seine Zeit, bis man einmal gehend die Startlinie überhaupt erreicht hatte. Aber dann ging es tatsächlich los! Ich lief! HOORAAAAY! :D
Und es war von Anfang an spektakulär. Die ganzen Zuschauer, die Musik, die Bands, die an der Strecke spielten, es war ein einziges Fest!
Natürlich machte ich mir im Vorhinein Sorgen wegen meines Knies. Seit ich mir die Verletzung drei Wochen zuvor zugezogen hatte, habe ich nur noch einmal in der Woche trainiert - nicht mehr als 10-15 Kilometer jeweils. Dabei lag mein Pensum eigentlich bei etwa 60-70 Kilometern in der Woche. Die angestrebte Zielzeit hatte ich schon längst nicht mehr im Kopf - heute wollte ich einfach nur irgendwie und am besten relativ schmerzfrei ankommen. „Finishen“, so sagen die Marathonis auch dazu. :)
Ich war ganz zuversichtlich, dass ich es schaffen könnte. Schließlich hatte ich eine Bandage angelegt, die das Knie stabilisierte, Medizin gegen die Entzündungen genommen und auch ansonsten war das Knie schon in einem besseren Zustand, als noch Wochen vorher.
Und dann, was geschah? Mein Unterschenkel verkrampfte sich und machte mir das Laufen recht schwer. Das hatte ich noch nie. Super Tag für diese Premiere, haha. Dabei ließ ich es wegen des Knies schon sehr ruhig angehen. Nun dachte ich nur noch: Wird das ganze jetzt wegen eines Dauerkrampfes nichts? Schließlich tat sich dieser bereits am Anfang auf und blieb einige Kilometer sehr sehr standhaft. Nun denn, bei Kilometer 10 in etwa war ich dann wohl eingelaufen und der Krampf war einfach hinfort. Puh. Auch die ganzen ollen 10 Kilometerlauf-Absolventen, die das Feld verstopften waren nun fort, endlich! Die ganzen ersten 10 Kilometer waren vielmehr ein Slalomlauf als alles andere, da alles einfach nur verstopft war. Daran, an den Getränkestationen etwas zu trinken war garnicht zu denken, wenn man nicht 5 Minuten warten wollte. Von nun an jedoch konnte ich mir endlich auch alle 2-3 Kilometer etwas zu trinken nehmen.
Heiß war es gar nicht an jenem Tag - ganz im Gegenteil. Es fegte ein heftiger Wind bei mittleren Temperaturen und mitunter schauerte es auch. Dennoch verliert man während eines Marathons mehrere Liter Flüssigkeit und insbesondere Mineralstoffe, die es ständig wieder nachzufüllen gilt. Dafür eben stehen Wasser und Sportgetränke bereit.
Nach Kilometer 20 kamen dann auch Essensstände und Bananen und Rosinen wurden angeboten. So konnte ich endlich von meinem mittlerweile völlig durchweichtem Marmeladenbrot ablassen und mich während des Rennens mit Obst voll hauen. Das ist garnicht so einfach und überdies bin ich froh, einen sehr verständnisvollen Magen zu haben. Bei den Mengen, die ich da gegessen habe, müssen andere sofort auf Toilette oder kriegen es erst garnicht herunter. Ich habe aber davon profitiert und so für das letzte Viertel des Laufes noch viel Energie übrig gehabt.
Auch nach 20 Kilometern machte mein Knie noch keine Probleme. Kilometer 30? Alles super. Und so langsam wusste ich, dass ich es schaffen würde! Weil ich es so langsam angegangen war, hatte ich wirklich noch keine Konditionsprobleme oder Ähnliches, so dass ich nun auch schneller lief. Nach und nach überholte ich mehr und mehr Läufer, die sich falsch eingeschätzt hatten und gingen oder nur vor sich hin krochen. Einige suchten Erste-Hilfe Stationen auf oder wurden auf Tragen dorthin getragen. Anstelle einzubrechen, stieg jedoch mein Adrenalinspiegel ins nahezu Unermessliche und ich lief die nächsten Kilometer so, als wäre ich gerade erst losgelaufen. Auch für die Zuschauer war das natürlich ansehnlicher, als die Kaputten. ;) So wurde ich angefeuert, habe gleichzeitig zurückgejubelt und gewunken und die Zuschauer wurden dann wiederum umso lauter! Schon in 50 Meter Entfernung begannen sie, mich anzufeuern und zu rufen, wenn ich so laut jubelte - und es ist einfach ein wunderbares Gefühl, dort zu rennen und Hunderte von Menschen nur für einen selbst da zu sein scheinen! Das trübe Wetter konnte meiner super Laune wirklich nichts mehr anhaben, da konnte es noch so stürmen, ich würde da heute über die Ziellinie laufen!
Gerade auf den letzten Kilometern gab es schließlich nicht nur die Essens- und Getränkestationen der Veranstalter, sondern haben auch die Zuschauer viele leckere Sachen mitgebracht und an der Strecke angeboten. Darunter ganz viel Schokolade - die auf den letzten Kilometern durchaus empfehlenswert ist, viel Obst (z.B. wahnsinnig teure Erdbeeren und anderes tolles Zeug habe ich gegessen, das ich mir sonst hier nicht leisten kann... ;) ), dann gab es Hausgemachtes, wie Misosuppe (!!), Onigiri und eben einfach alles Mögliche! Nur eines verstehe ich dabei nicht - wieso haben sie Bonbons angeboten? Mal im Ernst, wer lutscht während des Marathons ein Bonbon?! Es geht um schnelle Energie, nicht ums Ersticken...
Jedenfalls habe ich gerade die köstlichen Schokoladen an mich genommen, aber nach einer Zeit tendenziell eher in meiner Jacke verstaut, als gleich aufzuessen.
Eine kleine Zwischenbemerkung: Wenn man den ersten Marathon läuft, dann weiß man eigentlich vorher nicht, wie es sein wird. Wenn man sinnvoll trainiert hat, ist man zwar mehrere Male etwa 30-33 Kilometer am Stück gelaufen, jedoch nie die ganzen 42,195 Kilometer. Ab etwa Kilometer 35 passiert dann oft etwas, das als „Der Mann mit dem Hammer“ bekannt ist - der Stoffwechsel stellt sich angesichts erschöpfter Kohlenhydratespeicher auf die Fettverbrennung als Hauptenergiequelle um - und das tut weh. Je besser man trainiert ist, desto weniger schlimm ist dieser Moment, in dem die Beine schwerer und schwerer werden und man langsamer und langsamer wird, während der Puls immernoch steigt. Darauf wartete ich glücklicherweise vergeblich - bis auf dass ich mich ab Kilometer 38 tatsächlich nicht mehr so fühlte, wie gerade losgelaufen  (aber immernoch fit!) passierte weiter nichts. Der Mann mit dem Hammer hat nur alle jene niedergehauen, die ich gerade überholte! ;D
Nun, die letzten Kilometer waren von der Strecke her noch etwas beschwerlicher, als alle davor. Es ging über eine Brücke, auf der es natürlich noch umso windiger war. Dennoch konnte mich nichts mehr aufhalten - da konnte nun kommen, was wollte. Und so erreichte ich nach 4:36 Stunden das Ziel - zwar langsamer, als mein ursprünglicher Trainingsplan es vorsah, aber dennoch hatte ich wegen meiner Knieverletzung und des ausbleibenden Trainings in den Wochen zuvor nicht ansatzweise mit so einer Zeit gerechnet!
Ganz ungeachtet dessen war ich nun einfach nur glücklich und auch unbeschreiblich stolz auf mich. Ich habe meinen ersten Marathon gefinisht! :D Nun nahm ich meine Medaille entgegen, bekam etwas Verpflegung mit auf den Weg, ein schönes Handtuch, das ich mir wegen der Kälte um den Kopf band und machte mich auf, Jan anzutreffen. Bei all den Menschen hatte ich etwas Angst, dass mir das nicht gelingen würde, aber dann hat es doch recht schnell geklappt. Zu diesem Zeitpunkt übrigens hatte ich die Unmengen an Schokolade aus meinen Taschen schon fast aufgefuttert - denn mein Hunger war unfassbar groß.
Übrigens stammen alle diese Fotos hier zwar von meiner Kamera, aber nicht von mir. Natürlich denkt ihr - macht ja niemand Fotos während man einen Marathon läuft. Aber hey - WIR SIND HIER IN JAPAN! Also ganz im Ernst, hier im Land der Multifunktionshandys dreht man auch Videos, macht Fotos und telefoniert während des Marathons. Das nervte mich mitunter, weil die Läufer dann leider nicht mehr ganz fähig waren, im Laufpulk ihre Richtung beizubehalten und lieber etwas herumstolperten.
Jedenfalls hat Jan diese Fotos geschossen, daher gebührt der Dank an dieser Stelle ihm! Leider konnte er mich nirgendwo auf der Strecke antreffen und fotografieren - tja, hätten wir mal während des Laufes telefoniert, dann hätten wir ja einen Treffpunkt abmachen können. ;)
Vermutlich bald werden aber die offiziellen Fotos des Veranstalters herauskommen - dann kann ich mir mein Ziellinienfoto und vielleicht noch ein paar andere direkt nach Hause bestellen. :)
Hier ganz unten seht ihr dann das letzte Foto, das Jan an diesem Tag schoss - eine völlig zufriedene Livia. :) Danach habe ich dann, ich gestehe es ja, die Behindertentoilette blockiert, um mich zu waschen und umzuziehen. Die sind nämlich groß und haben in der Kabine selbst ein Waschbecken. Wie praktisch. Schließlich lag noch eine mehrstündige Heimreise vor uns (obgleich ich zu diesem Zeitpunkt nur von einer 1-2 stündigen Heimreise ausging - aber die Menschenmassen ließen es dann anders aussehen...). Längst nicht frisch, aber auch nicht mehr ganz unfrisch machten wir uns also auf den Weg zurück zum Appartement.  Die Züge waren tatsächlich sehr voll und wir konnten nicht immer sitzen. Hm, schon blöd nach so einem Marathon, denkt ihr nun bestimmt. Der Armen taten bestimmt sowieso schon die Füße weh. Aber nein, mir ging es prima. Tatsächlich waren meine Füße wie neu, einzig einen leichten Druck spürte ich in den Knien. Alles prima. Nun aber geschah Folgendes: Jan fand es doch tatsächlich angemessen, während des Stehens im Zug sich bei mir - die ja wie ihr wisst gerade einen MARATHON gelaufen war - darüber zu beschweren, dass seine Füße weh tun. Dieses bleibt nun hier unkommentiert. ;)
 
Das war er also - mein erster Marathon. Obgleich ich vorher sagte, dass das vermutlich mein erster und letzter Marathon sein würde, bin ich mir da nicht mir sicher. Eigentlich zieht mich aber zur Zeit eher der Triathlon in den Bann. Tja, ich brauche eben immer neue Herausforderungen...