Neue Familie, neues Zuhause, neues Glück!
 
Ja, hier wohne ich nun! In einem mittelgroßen Haus in Hirakata, zwischen Kyoto und Osaka.  Und zwar dort oben in dem Zimmer über der Haustür und geparktem Auto. Für japanische Verhältnisse ist das Haus vermutlich eher groß - während man bei uns vielleicht vielmehr von einem Appartement sprechen würde. ;)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Donnerstag, 19. Februar 2009
Durch den Platzmangel erklärt man hier auch die für Europäer eher befremdliche Tradition, dass die ganze Familie im selben Zimmer schläft. Während die Kinder ja in Deutschland direkt oder nach nur wenigen Jahren ein eigenes Zimmer bekommen oder sich eines mit den Geschwistern teilen, schlafen die Familien hier noch sehr viel länger zusammen. Das kann bis in die Pubertät hinein gehen. Komischerweise wird das Argument des Platzmangels immer wieder aufgeführt, selbst wenn es augenscheinlich nicht zutrifft. Hier habe ja z.B. ich auch ein eigenes Zimmer und zwei weitere Zimmer werden für verschiedene Sachen genutzt. Scheinbar ist diese Schlafgewohnheit also kein Zwang, sondern gewollt.
Nun ja - ich habe wie gesagt mein eigenes Zimmer, während es sich die anderen vier in einem noch kleineren Zimmer zusammen gemütlich machen. Hier ein paar Fotos von meinem Nest. Das Zimmer ist recht klein, aber dafür eben ganz besonders gemütlich. In Nagoya hatte ich ein recht großes Zimmer, das ich aber kaum mit Leben füllen konnte. So viele Sachen hatte selbst ich nicht dabei. Das Zimmer hier enthält an sich schon viele gemütliche Elemente, aber nach dem Auspacken der Koffer fühlte ich mich sofort richtig wohl. Ich habe sogar einen Fernseher! Und außerdem eine Klimaanlage, die 30 Grad schafft! Wahnsinn! :D Kein Frieren mehr! Zudem sind alle diese Sachen so wie auch das Licht praktisch vom Bett aus steuerbar. Wenn das mal nicht herrlich ist?! Außerdem habe ich zwei Fenster, so ist es immer schön hell. Keine düstere Höhle.
Normalerweise sitze ich aber garnicht in meinem Zimmer herum, wenn ich zu Hause bin. Viel lieber mache ich es mir im Wohnzimmer - oder vielmehr in der Wohnküche gemütlich. Da ist meine Gastmutter und die Kinder und auch dort ist es immer schön warm. Manchmal läuft der Fernseher, mitunter ist es aber auch ruhig, weil die Kinder z.B Hausaufgaben machen oder lernen. Oder eben laut, weil sie spielen. Kabelloses Internet gibt es hier nicht - das ist auch nur im Wohnzimmer zu haben. Anfangs dachte ich, dass mich das stören würde, aber ich würde vermutlich sowieso immer hier im Wohnzimmer sitzen. Daher ist es egal - Hauptsache ich HABE hier Internet. Wie sollte ich denn sonst meinen Blog hochladen und euch alles genau erzählen?
Das Wohnzimmer hat übrigens noch einen  weiteren nicht unterschätzbaren Vorzug: Einen Kotatsu. Das ist ein kleiner Tisch, an dem rundherum eine dicke Decke hängt. So wird die Wärme schön gespeichert - denn dieser Tisch ist von unten beheizt!
Was für Westler ungewöhnlich ist (alleine schon, weil sie oft nicht länger als 30 Sekunden in gerader Position auf dem Boden zu sitzen vermögen - der Tisch ist ja nur etwa 40 cm hoch), ist in Japan Standard. Quasi jede Familie hat sowas als Herzstück des Wohnzimmers. Hier übrigens rechts zu sehen - inklusive meinem ganzen Krempel. Oft sitzt man mit mehreren Leuten daran - ich z.B. beim Lernen, eines der Kinder sieht Fernsehen und die Gastmama liegt halb darunter und macht ein Nickerchen. Das ist aber nur ein mögliche Szenario, hehe.
Und wie sieht es hier mit den Trainingsbedingungen aus? Laufe ich meine samstäglichen mehrstündigen Einheiten weiterhin auf Parkplätzen und dergleichen? Nein, natürlich nicht! Gleich hier nebenan ist eine perfekte Laufstrecke. Ein kleiner Weg, der nur für Fahrradfahrer und Fußgänger zugänglich ist und hoch erhoben über der ganzen Umgebung verläuft.  Hier rechts zu sehen - da in Richtung Horizont, genau da laufe ich viermal wöchentlich hin! Auf der einen Seite hat man den Blick auf die Stadt und auf der anderen Seite einen Golfplatz, Wiesen und eben Natur. Sehr sehr schön, gerade in den Morgenstunden! Einzig wenn es windig ist, wünscht man sich doch manchmal den einen oder anderen Bau oder auch nur Baum herbei - aber irgendeinen Haken muss die Sache ja haben. ;)
Und hier seht ihr noch eine Ansicht der kleinen Siedlung am Stadtrand, in der ich eben wohne. Die perfekte Lage für mein Empfinden - die Natur direkt greifbar, kein lauter Straßenverkehr und dennoch ist alles schnell mit dem Fahrrad erreichbar. Zur Uni, zu verschiedenen Einkaufszentren, Bahnhöfen und Supermärkten sind es höchstens 20 Minuten mit dem Rad. Hier seht ihr das Prachtexemplar - ich bekomme es von meiner Gastfamilie geliehen. Ist natürlich um Längen besser als meine alte Schnacke zu Hause in Deutschland - hat sogar eine Gangschaltung! ;D Vielleicht sollte ich mich nicht zu sehr dran gewöhnen...
Hier nun noch ein Foto der Uhr in meinem Zimmer. Falls das Foto zu klein ist - auf der Uhr ist zu lesen: „Lovely pet - we want to show you the peaceful feeling in a family way!“
Äh...... STRANGE?! ;D Also wie jetzt, bin ich das „pet“ - also das Haustier? Bin ich noch ungezähmt und muss noch an das Leben in der Familie oder in der Gesellschaft gewöhnt werden? Nun, bisher haben sie noch keine größeren pädagogischen Experimente vorgenommen. Und ich werde auch nicht Abends eingeschlossen und Morgens zum Spielen aus meinem Zimmer gezerrt. Vielleicht kommt das ja noch!
Nene, die sind wirklich alle unglaublich lieb. Ein paar Fotos konnte ich schon machen: Von meiner Gastmama, dem 8-jährigen Yuuto und der 6-jährigen Rina (gesprochen „Lina“). Mein Gastvater hingegen ist eigentlich nie da. Also wirklich nicht. Ich dachte, mein Gastvater in Nagoya würde sich überarbeiten, der da von 7 bis 19h aus dem Haus war und manchmal auch  Samstags arbeitete. Aber mein Gastvater hier ist von 7h bis irgendwo zwischen 21h und 23h weg. Und Samstags manchmal auch. Außerdem geht man Freitags Abends mit den Kollegen gemeinsam aus. Wie schön, man hat sich durch die Woche ja noch nicht genug gesehen! Dazu gab es neulich eine Klausur in der Firma - an der jeder teilnehmen musste. Dafür hat er dann noch nach der Arbeit gelernt. Also DAS nenne ich nicht „Leben“ - und würde Jan sowas machen, dann wollte ich mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Und an euch Manga/Anime/“Ich will nach Japan auswandern und dort das Paradies auf Erden erleben“-Leute: Merkt euch das, was ich da oben geschrieben habe oder lest es nochmal, falls ihr es nicht verstanden habt! Das ist keinesfalls übertrieben sondern der Alltag meines Gastvaters. Seid euch dessen bewusst, wenn ihr mal in Japan arbeiten wollt. So kann es nämlich sein.
Ja...ein Foto des Gastvaters reiche ich dann irgendwann nach, nicht wahr. Es ist mir aber auch noch unangenehm, ihn einfach so zu fotografieren - weil wir ja wirklich fast keinen Kontakt haben. Wenn er nach Hause kommt, bin ich meist schon in meinem Zimmer.
Soviel erstmal für heute. Ich hoffe, ihr habt nun einen kleinen Eindruck von meiner neuen Umgebung. Fest steht: Ich hatte wahnsinniges Glück mit meiner Gastfamilie und kann mir kaum vorstellen, wie es besser hätte laufen können. Außerdem trainiert es mein Japanisch enorm, da hier wirklich niemand Englisch spricht. Wohl aber „Kansai-Ben“ - einen japanischen Dialekt, an den ich mich erst noch gewöhnen muss. Wird aber schon besser.
Bald gibt es mehr aus meinem japanischen Alltag - von der Uni, von Erdbeben, Bidets und eben allen diesen Dingen.... Auf bald!