Nara
 
„Na, wohin möchtest du mit uns am Wochenende einen Auslug machen?“ fragte mich meine Gastmama und zumal Nara wirklich sehenswert, aber im Gegensatz zu Osaka und Kyoto schwierig mit dem Zug erreichbar ist, war meine Antwort klar.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Sonntag, 8. März 2009
Also stiegen wir an jenem schönen sonnigen Sonntag alle gemeinsam ins Auto und machten uns auf zum großen Nara-Park. Dieser Park ist wirklich etwas ganz Besonderes: Zunächst beherbergt er mit dem Todai-ji einen sehr bedeutsamen Tempel, welcher als größtes reines Holzgebäude der Welt wirklich beeindruckend anzuschauen ist. Auf dem Foto im Titel könnt ihr das Gebäude sehen. Unglaublich, dass die Halle vor über 1250 Jahren erbaut worden ist!
Solch einem Tempel wohnt nun natürlich nicht eine durchschnittliche Buddhastatue inne. Vielmehr wird hier eine stattliche 15 Meter hohe Buddhastatue verehrt - um welche freilich der Tempel herum geschaffen wurde. Das heißt aber nicht, dass diese Statue das einzig Sehenswerte in der Halle ist. Es gibt darüber hinaus viele kleinere Buddhafiguren zu bestaunen und zudem ist auch die Rückenansicht des großen Buddha wirklich prächtig. Nix da vorne hui, hinten pfui. ;)
Auch diesen etwas grimmig dreinschauenden erstarrten Zeitgenossen habe ich getroffen, seine Bedeutung oder den Zweck deines Daseins aber nicht herausfinden können. Meine Kenntnisse der Figuren in japanischen Religionen und Mythen sind da wirklich nicht ausreichend. Aber ich kann sagen, dass es kein Oni ist! Oni sind laut japanischen Legenden Überbringer von Übel und ich habe sie bereits erfolgreich bei einer alljährlichen japanischen Zeremonie vor einigen Wochen aus unserem Wohnzimmer vertrieben! Wie? Na natürlich indem ich mit meiner Gastfamilie Sojabohnen nach draußen geworfen habe und dabei lauthals „Oni ha soto!“ Und nachher „Fuku ha uchi!“ geschrieen habe. (In etwa: „Heraus mit dem Bösen, herein mit dem Glück!“)
Auch dieses hier muss wohl einen zeremoniellen Status haben - dass Rina sich durch dieses kleine Loch in einem dicken Holzmachwerk innerhalb der Halle zwängte. Keine Ahnung, warum sie das macht. Aber es machten alle Kinder, die dort durchpassten. So war auf er einen Seite zu sehen, wie die Kinder anstehen, um durch das Loch zu krabbeln und auf der anderen Seite standen die Eltern in entsprechender Reihenfolge an, um den wunderbaren Moment mit einem Handyfoto auf ewig festzuhalten. Und dazwischen eine komische Ausländerin mit einem auffälligen Riesenhandy mit Objektiv dran. ;)
Weiterhin ist dieser Park auch tatsächlich ein Park in diesem Sinne. Ruhige bewaldete Fleckchen wechseln sich mit Wiesen, Seen und Teichen und weitläufigem Gelände ab. Zudem laufen diese Rehe und Hirsche frei herum und posieren auch sehr gerne für das eine oder andere Foto! Durch den Besucherandrang sind sie absolut frei von jedweder Scheu und greifen auch auf fiese Tricks zurück, um Essen vorgeworfen zu bekommen. Dieses Exemplar hier z.B. will uns verdeutlichen, dass es schon fast verhungert und deswegen schon die Eisenkette essen muss. Die Tierchen sind schließlich von den Touristen verwöhnt, welche die günstigen Kräcker für die Tiere kaufen und an diese verfüttern.
Man kennt das ja - einmal damit angefangen wird man sie schlecht wieder los - einfach weil sie vermuten, man hätte noch einen riesigen Vorrat dabei. Mama und Yuuto hatten zeitweise mehrere Verfolger und Yuutos anhänglichster Begleiter scheute sich auch nicht, ihn mal kurz zur Erinnerung in den Rücken zu beißen. ;)
Der Park beherbergt nicht nur diesen einen Tempel, sondern eine Vielzahl auch kleinerer Tempel, Schreine und anderer Sehenswürdigkeiten.  
„Sehenswürdigkeiten“? Ja z.B. eben das hier. Es ist toll anzusehen - eben sehenswert - aber ich weiß absolut nicht, was es ist. Da ich es auch nur im Vorbeilaufen erspäht habe, während meine Familie schon weitergelaufen war, fand ich es auch nicht heraus. Aber sieht schön aus, oder? ;D So ein wenig typisch ignorantes Touristenverhalten darf ja auch mal sein... „Guck ma daaaa!“ „JAAA SCHÖÖÖÖIIIIIIN! Wat isset denn?“ „Weiß isch doch net! ABER SCHÖÖÖÖÖÖÖÖÖIIIIIIIIIIIN!“ *Knips* *weiterlauf* ...
Hier links auch „schöin“. Einer der Brunnen, die sich vor jedem Schrein finden lassen. Hier wäscht man sich die Hände und das Gesicht mit klarem Wasser, bevor man den Schrein betritt. Man möchte schließlich den Kamisama (also den ehrenwerten Götterschaften) nicht ungewaschen entgegentreten. (Nochmals zur Erinnerung: Schreine sind dem Shintoismus zuzuordnen - kein Buddha. Buddha gibt es nur in buddhistischen Stätten der Verehrung - die da Tempel sind. Also: Tempel ungleich Schrein. Wichtig! :)
Hier seht ihr nun noch eine Pagode, die mit ihren über 50 Metern die zweithöchste in Japan ist. Sie wurde 730 erbaut, im 15. Jahrhundert aber zu großen Teilen restauriert.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie klein die Gebäude auf den Fotos wirken wenn man noch genau weiß wie es ist, gleich davor zu stehen. Selbst die beste Aufnahme könnte diese Erhabenheit nicht wiedergeben.
Hui, das war ein schöner Tag. Mittags waren wir noch in einem kleinen feinen Ramen Restaurant essen, was ich sehr genossen habe. Das erste Mal war ich mit der Familie nicht in einem Sushi Restaurant. ;)
 
Abgesehen davon, dass mein rechtes Knie ernsthafte Probleme bereitet und mein Marathonstart genau heute in zwei Wochen ernsthaft infrage gestellt ist, geht es mir hier nachwievor sehr gut. Ich freue mich darauf, Jan hier nächste Woche endlich zu empfangen und mit ihm die Insel zu erkunden. Ansonsten reicht es mir, mit meiner Gastfamilie zusammen zu sein und ab und an eine Japanerin zu treffen, die ich hier kennengelernt habe. Wer mich kennt weiß ja, dass ich tendenziell nicht eine Vielzahl loser Bekannter um mich schare sondern meine Zeit lieber mit den mir nahen Menschen verbringe.
Dennoch gestaltet es sich in Japan mitunter schwierig, damit durchzukommen. In den ersten Wochen an der Uni war es ganz schlimm. Obgleich das Semester der japanischen Studierenden erst im April beginnt, lauern sie in Aufenthalts- und Pausenräumen sich alleine bewegenden hilflosen Studierenden wie mir auf. Dann kommen sie z.B mit einem merkwürdigen Fragebogen an und fragen einen auffällige Fragen zu Hobbies und Wohnort und dergleichen, die irgendwie nichts mit einer „echten“ statistischen Erhebung zu tun zu haben scheinen... Und wenn der Fragebogen ausgefüllt ist, dann bleiben sie einfach sitzen und versuchen, eine Freundschaft zu produzieren. Ja genau. Denn der japanische Begriff für „Freunde finden“ unterscheidet sich von diesem unseren. „Freunde finden“ impliziert eine gewisse Passivität - man geht so durch das Leben und wenn man nette Menschen kennenlernt, dann kann man sich ja mal mit ihnen über das Wetter unterhalten. Und nach 2-3 Jahren nennt man sich schon „Bekannte“ und vielleicht dann nach 10 Jahren oder 20 kann man von einer „Freundschaft“ sprechen. So jedenfalls funktioniert das bei mir. ;)
Der japanische Begriff für „Freunde finden“ ist viel mehr ein aktiver. Man stellt Freunde her - so ähnlich wie z.B. Essen. Je mehr Zeit man investiert, desto mehr Freunde hat man also am Ende.
So geschah es auch, dass ich eines Mittags gerade genüsslich mein Onigiri auspackte und mich auf den Verzehr vorbereitete. Und ich hasse es, beim Essen gestört zu werden! Dennoch sprachen mich plötzlich zwei Japanerinnen vom Nebentisch an, die mir erklären wollten, wie man das Onigiri EIGENTLICH auspackt. Was mir bekannt war, ich wollte aber nun verhindern, dass der Aufkleber zerstört wird (was dann nämlich passiert), weil ich diese schließlich sammele. Das habe ich ihnen erklärt und damit war das Gespräch für mich vorüber. Dennoch sahen sie Grund, sich zu mir zu setzen. Während ich also aß und meine Zeitung las, stellten sie mir nervige Fragen. Natürlich antwortete ich höflich - wohl aber so knapp um mein Desinteresse deutlich zu vermitteln. Indessen fragten sie mich, ob ich denn gleich einen Kurs hätte. „Ja, jetzt gleich.“ .... .....  ........   „Ihr auch?“ „Nee, wir haben Ferien.“ ... „Was macht ihr dann hier?“ „Freunde machen. SO WIE JETZT GERADE!“ ...
..... AAAAAAHHHHHHHHHH! :O Hilfe! Ich fühle mich belästigt!
Leute, so funktioniert das einfach nicht! Wie kann man sich anfreunden indem man direkt bei der ersten Begegnung sagt, dass man sich mit der anderen Person anfreunden möchte? Gibt es tatsächlich Menschen, die sich durch solcherlei Aussagen nicht total bedrängt fühlen? Ich verstehe das nicht. Jedenfalls begann mein Kurs dann... direkt.
Was bei Japanern extrem zu sein scheint, können aber auch Amerikaner ganz gut. Nämlich hatte mir eine merkwürdige Amerikanerin aufgelauert. Sie sitzt in einem meiner Kurse und hat in der Vorstellung mitbekommen, dass ich Deutsche bin. Als Deutsche bin ich wirklich eine Rarität - bisher habe ich gerade mal einen anderen Deutschen getroffen. Eigentlich sind fast alle internationalen Studierenden hier Amerikaner.
Jedenfalls sagte sie mir, dass es ja total interessant sei, dass ich Deutsche bin! Ja! Super! Was antwortet man darauf? „Ja, ich auch!“ „Nein, ich nicht!“ „Ja, und da hier nur Amerikaner herumlaufen ist es... dennoch auch totaaaal interessant, dass du Amerikanerin bist!“ Naja... schon okay soweit. Irgendwie muss man das Gespräch ja anfangen, nicht wahr. Aber man muss doch nicht dann direkt ankündigen, dass man sich das nächste Mal neben mich setzen wird, um dann noch viel viel mehr zu sprechen. :/ Leute, sowas ergibt sich, das plant man nicht! Naja, schon wieder fühlte ich mich leicht bedrängt. Das nahm auch stetig zu, weil mich diese Person fortan dauernd berührte und anderweitig belästigte. Mich von hinten mit ihrem Finger pickt oder an meinem Schal zieht. Ich mag das nicht!
Glücklicherweise fragt meine Gastmama mich nicht mehr jeden Tag, ob ich schon Freunde machen konnte. Ich wurde schon fast aggressiv. Aber schließlich konnte ich ihr erklären, dass ich keine amerikanischen Freunde finden konnte, weil ich einfach hier in Japan keine finden will. Und nein, ich gehe nicht mit Amerikanern zum Karaoke. Nein, ich lege es nicht drauf an, innerhalb von zwei Wochen die Telefonnummern von mindestens 400 Japanern zu sammeln. Ist schon in Ordnung. :)
Das war nun nur ein kleiner Auszug aus dieser merkwürdigen Welt der „Freundschaftsproduktion“. Ich möchte euch ja nun nicht damit langweilen, schließlich sind unter euch doch so einige, auf die ich tatsächlich großen Wert lege und deren Kontakt ich wirklich über alle Maßen schätze!
 
Und so war es das mal wieder für heute. Bald gibt es mehr - und zwar von der Uni, von Osaka und Kyoto, wenn alles klappt gar vom Sumo und hoffentlich - wünscht mir Glück! - auch vom Marathon.
Eure Livia!